Von Brett- und Videospielen – Konkurrenz oder Chance?

Nachdem das Brettspiel Dorfromantik, die analoge Umsetzung des gleichnamigen, beliebten Videospiels, 2023 zum „Spiel des Jahres“ gekürt wurde, und der Brettspielmarkt zunehmend mit direkten oder indirekten Umsetzungen bekannter Videospiele geflutet wird, stelle ich mir die Frage: Stehen Brett- und Videospiele in Konkurrenz zueinander oder bieten sich hier Möglichkeiten für Synergien?

Als Kind der 90er mit einem Brettspiel begeisterten Vater kam ich früh sowohl mit dem PC und Spielkonsolen, als auch mit analogen Spielen in Berührung. Ich erinnere mich noch an das erste Videospiel, das ich spielen durfte: „LexiKids – Das Kinderlexikon“ unter Windows ’95. Ein paar Jahre später trat mit Pokémon auf dem Gameboy Color dann ein weiterer Meilenstein meiner Gaming-Biografie ins Rampenlicht. Viele Jahre gingen ins Land und ich muss zugeben, dass ich immer weniger Videospiele gespielt habe, hauptsächlich, weil ich damals mehr Gesellschaft gesucht habe. Nach meinem Studium habe ich mir dann eine Nintendo Switch zugelegt, vor allem, um Mario Kart spielen zu können, und somit stieg ich wieder vermehrt in die Videospielszene ein. Mittlerweile ist meine Spielebibliothek gut gefüllt nicht nur auf der Switch, sondern auch auf dem PC. Auch Brettspiele sind schon in jungen Jahren in mein Leben getreten, beginnend mit „Tempo, kleine Schnecke“ und später dann auch „anspruchsvollere“ Spiele wie Carcassone und Dominion. Erst seit 2019 spiele ich auch regelmäßig anspruchsvollere und zeitaufwändigere Spiele von Eurogames bis hin zu Kampagnen-Story-Spielen.

Doch wie soll man sich entscheiden, wenn die eigene Freizeit nur begrenzt ist und beide Hobbys um die verfügbare Zeit buhlen? In meinem Fall ist die Entscheidung relativ einfach: Da ich Videospiele hauptsächlich alleine spiele und nicht gerne solo Brettspiele spiele, richtet sich meine Freizeitgestaltung einfach danach, ob ich alleine bin oder nicht. Das mag bei ambitionierten Solospielern und Enthusiasten von Multiplayer-Modi jedoch anders aussehen. Der Vorteil vom digitalen im Vergleich zum analogen Spiel, ist definitiv die fehlende Aufbauzeit. Die Konsole wird angeschmissen und losgezockt, während Brettspiele erst einmal aufgebaut werden müssen und je nach Spiel auch ein aufwändiger Automa vorbereitet werden muss. Brettspiele kommen hingegen (in den meisten Fällen) ganz ohne Bildschirme aus. Das ist eine gern gesehene Auszeit von der ohnehin hohen Screentime dank Remote-Arbeit, Zoom-Calls und Social Media. Natürlich bieten Videospiele dank technischer Unterstützung viel Immersion, neuerdings auch dank Virtual Reality. Aber auch Brettspiele ziehen nach und legen immer mehr Wert auf die grafische Präsentation sowie die Integration von Apps mit passender Musik et cetera. Gerade diese Immersion in andere Welten ist sicherlich einer der Gründe, warum sowohl Videospiele als auch Brettspiele in den letzten fünf krisenbehafteten Jahren boomen.

Letztlich ist es diese Intention, uns in andere Welten zu entführen, damit wir dem Alltag entfliehen können, die das digitale und das analoge Spiel eint. Und somit ist es wohl weniger eine Frage von entweder oder, sondern vielmehr eine Frage des persönlichen Geschmacks und der jeweiligen Situation, in der man sich befindet. Hat man Mitspielerinnen in der Nähe oder ist es einfacher gemeinsam online zu spielen? Möchte man gemeinsam mit den Kindern lieber analog spielen? Liegt man gerade am Strand im Sommerurlaub und greift eher nach dem Kartenspiel als der portablen Konsole?

Gerade für diejenigen, die ihre videospielbegeisterten Kinder oder Freundinnen zum analogen Spielen bringen wollen, sind Umsetzungen von Videospielen in Brettspiele ein guter Einstieg. Die Welt, in die man eintaucht, ist bereits bekannt, sodass sich Regeln oftmals gut anhand der Originalvorlage erklären lassen. Hier sind fünf Empfehlungen von mir, die auf meinem eigenen Videospiel-Geschmack basieren:

Adventure Games von Kosmos

Fan von klassischen Point-and-Click-Abenteuern wie Monkey Island? In den Adventure Games von Kosmos geht es ebenfalls darum unsere Charaktere zu steuern, um neue Orte zu entdecken, Gegenstände zu untersuchen und zu kombinieren sowie NPCs zu befragen. Dabei wurden die Boxen von Mal zu Mal besser, mit immer mehr Ideen wie das Spielgefühl des Videospielgenres ins Brettspielformat übertragen werden kann.

Schlafende Götter vom Schwerkraft Verlag

Wer Lust auf ein Abenteuer in einer grenzenlos erscheinenden Welt hat und wer sich gerne auch mal von seiner Hauptquest mit zehn Nebenquests ablenken lässt – ähnlich wie in Zelda BOTW oder TOTK – der ist bei Schlafende Götter genau richtig. Auch hier werden Orte erkundet und Quests gestellt, die aber nicht immer direkt gelöst werden können. Und natürlich muss auch hier gekocht werden, um das eigene Überleben zu sichern.

Stardew Valley – The Boardgame von ConcernedApe

Wer träumt nicht davon, ein entschleunigtes Leben auf dem Land zu führen, in dem man sein eigenes Gemüse anbaut und tagtäglich von den Früchten seiner Arbeit lebt? Nun, ganz so entspannt ist schon das gleichnamige Videospiel nicht, und das Brettspiel steht dem in nichts nach. Hier versuchen wir kooperativ, verschiedene Aufgaben zu lösen bevor das Jahr vorbei ist: vom Fische fangen bis hin zum Entdecken von Mineralien in der Mine.

Kitchen Rush von Pegasus Spiele

Wir sollten ein Restaurant eröffnen! Mit dieser grandiosen Idee beginnen sowohl das Videospiel Overcooked als auch das Brettspiel Kitchen Rush. Wie gut die Idee wirklich war, müssen wir kooperativ in verschiedenen Szenarien unter Beweis stellen, indem wir Gäste bewirten und die passenden Speisen in Echtzeit zubereiten. Dabei wird sind lautstarke Zurufe wie in der echten Gastronomie an der Tagesordnung.

Deep Regrets von Boardgame Circus

Was passiert, wenn man die Angel zu weit auswirft oder gar nachts durch trübe Gewässer zieht? Genau darum geht es in dem Videospiel Dredge: Wir fischen, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen und unser Schiff aufzubessern, stoßen aber wir immer wieder auf seltsame Unterwasserkreaturen und Geheimnisse. Das Brettspiel Deep Regrets fängt das Gefühl des Spiels perfekt ein. Hier geht es allerdings nur ums Fischen und nicht darum, Geheimnisse zu enthüllen.

Letztendlich ist es egal, ob jemand eingefleischter Analog- oder Digitalspieler ist, denn die Hauptsache ist doch das Spielen an sich. Die Fähigkeit, sich auch im Erwachsenenalter noch in andere Welten hineinzuversetzen und dort Aufgaben zu bewältigen, ist keinesfalls zu belächeln, sondern stellt eine wichtige Kompetenz dar – von den sozialen Kompetenzen während des Spielens mit anderen ganz zu schweigen. Und ich bin mir sicher: Mit dem richtigen Spiel werden auch Videospielfans an den Tisch gelockt – oder umgekehrt.

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