REZENSION | River Valley Glassworks

In den letzten Jahren ist es gängige Praxis geworden, Brettspiele in zwei (oder sogar mehr) Versionen anzubieten. Neben einer „Standard“-Version, welche sich preislich meist im Rahmen von 30 bis 60 Euro befindet, wird noch eine „Deluxe“-Version angeboten. In Letzerer befinden sich in der Regel aufgewertete Spielmaterialien und manchmal auch zusätzliches Spielmaterial oder ein Inlay. Ein dreistelliges Loch im Portemonaie inklusive. Aber sind Deluxe-Versionen und Ressourcen ein optionaler Luxus für diejenigen, die es sich leisten können und wollen, oder dienen sie auch als Ablenkung von der Mittelmäßigkeit einiger…

Oh, schöne Steine!

Im Spiel River Valley Glassworks gibt es davon eine Menge, um genau zu sein 132 Stück. Wie der Titel bereits verrät, dreht sich hier alles um die Gewinnung und Verarbeitung von Glas. Als anthropomorphe Tiere gewinnen wir Glas aus dem Fluss mittels Drafting – wie dieses dort hingelangt, erfahren wir in der vierseitigen Anleitung nicht – und arrangieren dieses dann auf dem eigenen Spielertableau in Spalten. Warum? Natürlich um möglichst viele Siegpunkte durch die Vollendung von Reihen und durch unsere zwei höchsten Spalten zu erhalten. Ok, ich gebe zu, dieses Spiel ist nicht gerade thematisch kohärent. Bedeutet dies, dass River Valley Glassworks auch mit jedem anderen Thema funktionieren würde? Nein, denn wenn man Steine vom Fluss nimmt, wird das entsprechende Flussteil aus der Reihe genommen und wieder hinten angelegt, dies sorgt für einen halbwegs immersiven Spielfluss.

Aber wir sind ja wegen der Steine hier: Es gibt sie in acht verschiedenen Farben (neun in einer Partie zu fünft) und sechs verschiedenen Formen. Die Farbe der Steine ist wichtig für das Anlegen auf dem eigenen Tableau, da nur gleichfarbige Steine in eine Spalte gelegt werden dürfen und jede Farbe in maximal einer Spalte erlaubt ist. Die Form hingegen, gibt an, auf welches Flussteil wir einen Stein aus unserem Vorrat legen dürfen, um anschließend alle Steine von einem der beiden benachbarten Flussteile zu nehmen und ins Tableau zu legen. Somit beschränken uns die Formen unserer Glassteine im Vorrat in unseren Draftingmöglichkeiten, was gerade am Anfang, wenn wir mit drei Steinen im Vorrat starten, zu sehr ungleichen Ausgangsvoraussetzungen führen kann. Alternativ können wir unseren Vorrat mit bis zu vier Steinen aus dem See auf fünf auffüllen. Aber auch hier sind wir von der Auslage im See abhängig: Im schlechtesten Fall liegen dort fünf Steine derselben Form. Ansonsten sind die Steine natürlich ein echter Hingucker (aber leider farbblindunfreundlich) und auch haptisch können sie überzeugen. Wem das noch nicht reicht, der ersetzt die Plastiksteine aus der Standard- bzw. Deluxe-Version einfach durch echte Glassteine, die der Verlag als Add-On anbietet. Ob das zu mehr thematischer Immersion führt bleibt fraglich (da nicht selbst getestet).

Natürlich muss auch dieses gemütliche Steinesammeln einmal enden. In diesem Fall ist es vorbei, sobald jemand am Ende einer Runde mindestens 17 Steine ausgelegt hat und eine finale Runde gespielt wurde. In der Deluxe-Version wird die Anzahl der gespielten Steine auf einem eigenen zweilagigen Board verfolgt. Allerdings vergisst man im Eifer des Gefechts oft, diesen zu aktualisieren. Dadurch fällt erst auf wie überflüssig dieser Schritt ist, da man ja jederzeit auf dem Tableau nachzählen kann. Hier wäre ein Wertungblock oder gar ein Wertungsboard doch wesentlich praktischer gewesen.

River Valley Glassworks macht optisch einiges her. Vor allem die Holzmeeple, die Flussteile aus Plexiglas und die Spielmatte verleihen der Deluxe-Version das instagramable Etwas. Allerdings ist bis auf die zweilagigen Boards alles eine reine ästhetische und keinerlei praktische Verbesserung. Trotzdem lockt es gerade diejenigen, die nach einem gemtütlichen, abstrakten Spiel mit opulentem Material suchen, an den Spieletisch. Dabei handelt es sich keinesfalls um einen banalen Blender. Gerade gegen Spielende ergeben sich interessante Entscheidungen bei der Auswahl der Steine: Setze ich eher auf das Vervollständigen von Reihen, versuche ich, meine hinteren beiden Spalten möglichst voll zu machen, oder muss ich gar verhindern, eine Farbe zu nehmen, die ich nicht mehr anlegen kann? Allerdings gibt es hier das Potenzial für negative Interaktion zwischen den Spielenden, wenn man anfängt, mehr darauf zu achten, welche Steine die anderen nehmen könnten und was ihnen viel bringen würde, statt sich auf das eigene Tableau zu konzentrieren. Es ist also ein gemütliches Spiel, aber keines für empfindliche Gemüter. Mit der Spielendebedingung hat das Spiel den perfekten Punkt getroffen, an welchem man sich denkt: „Ah, das hätte ich besser machen können“ oder „Oh, mir fehlte nur noch dieser eine Stein“. Dadurch ist der Wiederspielreiz extrem hoch und die Schwelle für eine weitere Partie niedrig, da Erklär- und Aufbauzeiten niedrig sind.

Über das Spiel:

Autoren: Adam Hill, Ben Pinchback, Matt Riddle

Illustrationen: Andrew Bosley

Verlag: Allplay

Spielerinnenanzahl: 1-5

Spieldauer: 25-45 Minuten

Alter: ab 8 Jahren

Hinterlasse einen Kommentar