Erweiterungen – Fluch oder Segen?

Neue Spiele entdecken macht Freude, allerdings läuft man hier auch immer wieder Gefahr eine Niete zu ziehen. Das kostet nicht nur Geld, sondern auch wertvolle Zeit zum Spielen, etwas wovon Vielspieler in der Regel zu wenig besitzen. Warum also nicht stattdessen Spiele auf den Tisch bringen, von denen man bereits weiß, dass sie gut sind? Für diejenigen, die mehr Abwechslung wollen, stellen Erweiterungen eine mögliche Lösung dar. Was Erweiterungen bringen, welche Arten von Erweiterungen es gibt und eine kleine Liste mit Erweiterungen, die mir gefallen haben (Stand August 2022), findet ihr in dem folgenden Beitrag.

Ich mit einigen Erweiterungskartons vor meinem Spieleregal. Foto: Marah Stoldt.

Was bringen Erweiterungen?

Erweiterung der Spielerinnenanzahl

Wer kennt es nicht? Der Spieleabend naht und man würde so gerne sein aktuelles Lieblingsspiel auf den Tisch packen, aber die angegebene Spielerinnenzahl macht einem einen Strich durch die Rechnung. So ging es zumindest mir zuletzt bei Insel der Katzen, daher musste schnell die Erweiterung für 5-6 Spielerinnen her. Ehrlich gesagt, habe ich sie dann letztendlich nach der Anschaffung nicht ein einziges Mal benötigt, aber besser haben als brauchen, oder? Wann sich diese Art von Erweiterung lohnt? Vermutlich, wenn man eine feste Spielerunde im Sinn hat, mit der das Spiel dann auch wirklich gespielt wird. Für diejenigen, die ein Spiel in der Regel eh nur 1-5 mal spielen, ist diese Art von Erweiterung wohl eher nichts. Denn dann nimmt es nur wertvollen Platz im Regal oder in der Spieleschachtel ein.

Solo-Variante

Gerade in den letzte Jahren, sicherlich auch getrieben durch die Pandemie, haben Solo-Spiele einen gewissen Aufschwung erfahren, da sich Spielerinnengruppen noch immer eher schwerlich finden lassen. Daher findet man gerade auf Social Media auch immer mehr Berichte von Leuten, die Spiele auch solo spielen und hier kommen die Solo-Varianten natürlich gelegen, welche zum Teil bereits im Grundspiel vorhanden sind, aber in manchen Fällen auch erst nachträglich in Form einer Erweiterung nachgereicht werden. Natürlich ist dies nur etwas für diejenigen, die sich tendenziell vorstellen können ein Spiel auch alleine zu spielen, oder diejenigen, die Solo-Partien gerne nutzen, um sich die Spielregeln einzuverlaiben.

More of the same

Gerade bei Spielen, deren Reiz zum Beispiel aus einer Vielzahl an einzigartigen Karten besteht (siehe Flügelschlag oder Terraforming Mars), kann eben jener nach einigen Partien nachlassen, und das Verlangen nach neuen Karten wächst. Für eben diese Art von Spielen gibt es oftmals Erweiterungen, die nur oder zum größten Teil aus neuen Karten bestehen. Mir geht es momentan ähnlich mit Everdell, nach einigen Partien sind die Karten bekannt und gut funktionierende Kombos sind längst ausgetüftelt, daher habe ich mir zuletzt die Pearlbrook-Erweiterung zugelegt. Ein anderes Beispiel sind Erweiterungs-Blöcke für Roll-oder Draw-and-Write-Spiele wie Der Kartograph, die auch am Ende einfach mehr Abwechslung bringen sollen. Damit sich das aber lohnt, muss man in der Regel ein Spiel schon mindestens zehnmal oder mehr gespielt haben, daher lohnt sich auch diese Art von Erweiterung wohl weniger für diejenigen, die dasselbe Spiel nie zweimal spielen.

Living Card Games (ein Sonderfall)

In eine ähnliche Kerbe schlagen die Kartenpacks bei den sogenannten Living Card Games. Diese sind zwar in ihrer Grundspielversion auch schon spielbar, ihr Reiz besteht aber hauptsächlich darin, dass sie sich immer weiter durch zusätzliche Kartenpacks erweitern lassen. Bekannte Beispiele sind hier Arkham Horror – The Card Game oder Marvel Champions. Diese stellen in gewisser Weise einen Sonderfall der Erweiterungen dar, da sie nicht essentiell fürs Spielen sind, aber dennoch ein Hauptbestandteil des Spiels. Die Besonderheit hier ist sicherlich die Suchtgefahr, sich immer wieder neue Charaktere oder Szenarien dazuzuholen, daher nichts für Sparsame.

Legacy-/Kampagnen-Erweiterung

Vor einigen Jahren waren Legacy-Spiele, also Spiele, in deren Laufe sich das Spiel anhaltend verändert, total en vogue. Der Nachteil: Oftmals sind diese Spiele nur einmal durchspielbar und können danach nur weggeworfen, in ihrer entgültigen Form aufbewahrt und im besten Fall gespielt werden oder mithilfe von Recharge-/Reset-Packs auf den Ursprungszustand zurückgesetzt werden. Und letztere schlagen dann auch nochmal mit einem nicht unbeträchtlichen Betrag zu Buche. Daher habe ich mich bisher immer gescheut größere Legacy-Spiele wie Pandemic Legacy zu spielen, nicht zuletzt auch, weil ich ein so großes Spiel nicht wegwerfen möchte, aber ein Spiel aufzubewahren, dass man nicht mehr spielen kann, macht für mich auch keinen Sinn. Eine Alternative dazu sind Legacy-Erweiterungen, wie die Happy Hour-Erweiterung für Half-Pint Heroes oder The Emergence of Shy Pluto für Space Base. Hier wird das Grundspiel entweder nur für den Lauf einer Partie oder für längerfristig durch Sticker oder Karten verändert á la Legacy, jedoch lassen sich die Sticker wieder entfernen genau wie die Karten, sodass wir jederzeit wieder das Grundspiel spielen können. Eine clevere und umweltfreundliche Alternative, für diejenigen, die Legacy-Spiele gerne mal ausprobieren möchten, bevor sie sich an die größeren Vertreterinnen machen.

Mehr Komplexität/ neue Mechanismen

Während manche Spiele schon von Anfang an mit einer großen Breite an verschiedenen, verzahnten Mechanismen glänzen, bauen manche erst durch zusätzliche Erweiterungen mehr Komplexität ein. Vor allem bei Kenner- und Familienspielen ist auf der Komplexitätsskala noch viel Platz nach oben und wer ein solches Spiel dann 10-20mal gespielt hat, der sehnt sich eventuell nach etwas mehr. Beispiele sind hier Spiele wie Kingdomino und Sagrada, die am Anfang eher durch wenig Komplexität glänzen, aber durch ihre Erweiterungen mehr Raffinesse ins Spiel bringen, die auch Vielspieler begeistern kann. Also bevor man ein Spiel abschreibt, weil es einem zu einfach erscheint, lohnt es sich nachzuforschen, ob es bereits Erweiterungen gibt, die das Spiel auf den geüwnschten Komplexitätsgrad heben.

Modulare Erweiterungen

Der komplette Gegensatz zu den großen Erweiterungen, die neue Mechanismen ins Spiel bringen: Immer öfter findet man Sammlungen von kleineren Erweiterungen oder Promos als eigenständige Erweiterungen zu kaufen. So besteht die Erweiterung zu Underwater Cities nicht nur aus neuen double-layered Playerboards, sondern beinhaltet zusätzlich noch neue Karten, neue Assistentinnen, eine Schnellstart-Variante und ein zusätzliches Spielbrett mit entsprechenden Regeln. Okay, ich gebe zu, von einer kleinen Erweiterung kann man hier nicht sprechen. Wer hier ob der Fülle an neuen Möglichkeiten erstmal überfordert ist, sei beruhigt: Man kann auch einfach nur mit den neuen Spieltableaus und den neuen Karten spielen. An den Regeln ändert sich soweit noch nichts. In einer nächsten Partie kann man dann die neuen Assistentinnen ausprobieren und sich so langsam durch die verschiedenen Module durcharbeiten. Denn hier liegt der klare Vorteil dieser Art von Erweiterungen, sie können sowohl einzeln als auch in jeder möglichen Kombination dem Grundspiel zugefügt werden. Wenn man ein Spiel liebt, kann man sich an diese Art von Erweiterungen ruhig schon früher rantrauen und dann selbst entscheiden, welche Elemente man bereits aufgrund von sinkendem Spielspaß benötigt und welche nicht.

Ein kleines Fazit

Ich kaufe sehr gerne Erweiterungen, da es einfach Spiele gibt, die ich sehr gerne mag, die aber nach einiger Zeit verständlicherweise den Reiz des neuen verloren haben. Erweiterungen schaffen dann Abhilfe und führen bei mir dann dazu, dass auch altgeliebte Klassiker mal wieder auf den Tisch kommen. Allerdings neigt man (also ich) auch gerne mal dazu, Erweiterungen direkt mit dem Grundspiel zusammen zu kaufen, eher aus Sammlerzwang oder FOMO (Fear of Missing Out oder die Angst, etwas zu verpassen). Und dann ist da ja noch die Sache mit den Schachteln. Wenn der Platz im Spieleregal zuneige geht und der Inhalt der Erweiterung bereits im Karton des Grundspiels Platz gefunden hat, kann man den Karton dann entsorgen? Momentan behalte ich meine Kartons noch, aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt.

Ich hoffe ich konnte euch ein paar neue Denkanstöße zum Thema Erweiterungen mitgeben und wünsche euch weiterhin frohes Spielen!

Meine Top 5 Erweiterungen (Stand August 2022)

Flügelschlag Europa – einfach weitere Vogelkarten, mehr braucht es nicht

Viticulture Tuscany – ein neues Board mit neuen Aktionsmöglichkeiten und ein paar kleinen zusätzlichen Tweaks, um das Spiel noch besser zu machen

Rajas Goodie Box 1 – modulare Sammlung an Mini-Erweiterungen, die man nach und nach ins Spiel intergrieren kann

Bunny Kingdom In the Sky – Regenbögen und Einhörner, dazu eine zusätzliche Wertungsmöglichkeit, mehr Karten, ein weiteres Board und Material für einen 5. Spieler – ein Allround-Talent

Sagrada 5-6 Spielerinnen-Erweiterung – Nicht nur Erweiterung der Spielerinnenanzahl, sondern auch ein neuer Twist, der mehr Planbarkeit in diesem Würfelspiel erlaubt

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